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Kleines Wunder

veröffentlicht am: 21. August 2026 | Doris Renoldner

Ehrlich gesagt beginnt unser Autopilot-Desaster bereits in Vanuatu. Dort wollen wir das Problem allerdings noch nicht wahrhaben.

Bis bei der Ansteuerung von Sola Nomad plötzlich völlig aus dem Ruder läuft. Am Display erscheint: NO RUDDER. Unser erster Gedanke: Der Ruderlagengeber ist kaputt. Nach den zigtausenden Seemeilen, die er tapfer seinen Dienst getan hat, ist ihm das nicht einmal zu verdenken. Ein Anruf bei unserem Freund Hubert Ober (www.yachtelektronik.at) bestätigt unseren Verdacht und bringt neue Hoffnung: Der Autopilot sollte auch ohne Ruderlagengeber funktionieren. Also klemmt Wolf das Ding am Kurscomputer ab.

Wir testen in der Bucht von Sola. Und tatsächlich fährt Nomad problemlos in die Richtung, die wir ihr vorgeben. Erleichtert bestellen wir in Australien einen neuen Ruderlagengeber und lassen ihn nach Honiara schicken. Bis wir dort eintrudeln, sind es noch ungefähr drei Wochen. DHL Express wird das hoffentlich schaffen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl segeln wir weiter. Der Autopilot schnurrt zuverlässig, allerdings mit Nebenwirkungen: Er zieht deutlich mehr Strom und bei hohem Seegang fährt Nomad Schlangenlinien. Aber alles besser als von Hand zu steuern.

In Honiara, der Hauptstadt der Salomonen und einem Ort, an dem man nicht unbedingt länger bleiben möchte, führt unser erster Weg zum DHL-Büro. Unser Paket sei leider noch nicht angekommen, erklärt man uns. Laut Trackingnummer muss es irgendwo liegen geblieben sein. Unser großes Glück heißt Judy, eine flotte 70-jährige Neuseeländerin. Sie arbeitet seit 1974 für DHL und schaut heute nur noch gelegentlich vorbei, um auszuhelfen. Judy schwärmt von Honiara in den 1970er und 1980er Jahren: eine prachtvolle Stadt, von Bäumen gesäumte Straßen, kaum Müll, wenig Menschen. „Leider ist alles den Bach runter gegangen. Korruption überall.“ Judy nimmt sich unseres Problems an und spürt unser Paket in Port Moresby auf! Dank ihrer Hilfe halten wir es ein paar Tage später tatsächlich in Händen.

Links: Endlich haben wir das Paket an Bord; rechts: Wolf beim Wechsel des Ruderlagengebers

Wir wollen das heruntergekommene Honiara so schnell als möglich verlassen und verschieben die Reparatur auf später. Erst in der Marovo Lagune finden wir wegen Schlechtwetters Zeit und Muße dafür. Wolf installiert den neuen Ruderlagengeber und ersetzt auch noch die LCD Anzeige unseres mittlerweile fast blinden Bedienteils. Dann folgt der große Moment. Siegessicher schalten wir den Autopiloten ein. Aber rein gar nichts passiert. Auf dem Display steht nur: STLK FAIL

Laut Ferndiagnose kann diesmal eigentlich nur das Display schadhaft sein. Wir recherchieren. Das alte 6001er-Display wird schon lange nicht mehr erzeugt und ist nur noch gebraucht erhältlich. Im nahen Australien oder Neuseeland ist keines aufzutreiben. Fündig werden wir in Niederösterreich. Werner Enöckl hat eines für uns und würde es sogar nach Papua Neuguinea schicken.

Matiu Island in der Marovo Lagune: An den schönsten Plätzen wird repariert

Also doch Handsteuern für die nächsten 1000 Meilen. Mein absoluter Albtraum. Schon der Gedanke an die vielen Nachtwachen, die noch vor uns liegen, verursacht mir Magenkrämpfe. Ich weiß, was jetzt viele von euch denken: Warum haben die beiden keine Windfahne? Hatten wir. Bis wir sie 2005 in einem Sturm vor Tahiti verloren. Und wirklich funktioniert hat sie bei uns ohnehin nie. Außerdem verrichtete der Autopilot über eineinhalb Weltumsegelungen zuverlässig seinen Dienst.

Unterwegs von Honiara zu den Florida Islands, Salomonen

Zermürbt steuern wir die nächsten Meilen von Hand. Stunde um Stunde. Bis Wolf in Noro verzweifelt Christian von der SY Pitufa (www.pitufa.at) über WhatsApp anruft. „Ihr habt ja den Pitufino an Bord. Damit könnt ihr das Display überbrücken und den Autopiloten per Handy steuern, “ meint Christian ganz gelassen. Er hat diese geniale Schnittstelle für verschiedene Bordsysteme selbst entwickelt und uns das kleine Kästchen bereits im letzten Jahr zur Verfügung gestellt. Nur eingebaut haben wir es bisher noch nicht. Unter Christians Anleitung verkabeln wir den Pitufino mit Seatalk. Und plötzlich wird klar: Nicht das Display ist schadhaft, sondern der Kurscomputer. Er hat uns die ganze Zeit zum Narren gehalten hat.

Vor Mooring in Noro, Salomonen

Wolf stürzt sich sofort kopfüber in die Ersatzteilkiste. Nach kurzem Suchen hält er eine Schachtel in der Hand. Darauf steht: „Computer alt, aber okay“. Vielleicht kann er uns aus der Patsche helfen. Ich sitze beim Einschalten des Autopiloten wie auf Nadeln. Meine Hände zittern. Und dann geschieht tatsächlich ein kleines Wunder. Er funktioniert! Halleluja! Seitdem fährt Nomad mit einem fast 40 Jahre alten Kurscomputer. Wir segeln äußerst defensiv, reffen beim kleinsten Windhauch und behandeln das gute, alte Ding wie einen Schatz.

Und noch etwas hat sich inzwischen gefügt: Ein überholter Kurscomputer samt Werners Bedienteil wird von lieben Freunden ganz spontan nach Kavieng in Papua Neuguinea gebracht. Sie kommen zu uns an Bord und werden mit uns bis Indonesien segeln. Ende gut. Alles gut.

Zum Schluss bleibt vor allem ein großes Danke an alle, die uns mit Rat, Ersatzteilen, Ideen und ganz konkreter Hilfe aus diesem Autopilot-Desaster herausgeholfen haben.

Manchmal braucht es eben ein kleines Wunder – und viele gute Menschen.


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