Ureparapara. Was für ein Name! Was für eine Insel! Und was für ein entlegener Flecken Erde. Ein nahezu kreisrunder, 800 Meter aus dem Meer ragender, erloschener Vulkan,
dessen Kraterrand nach Nordosten eingebrochen ist und von der See geflutet wurde. Genau in diesen Schlund segeln wir hinein. Zu beiden Seiten steigen steile, undurchdringliche Dschungelhänge empor, Mangroven säumen die Ufer, und tief im Scheitel der Bucht versteckt sich ein kleines Dorf. Wir sind auf den Spuren unserer eigenen Vergangenheit. Bereits im September 2007 lagen wir hier vor Anker. Fast zwei Jahrzehnte später wollen wir unsere Erinnerungen mit der Wirklichkeit vergleichen.
Kaum haben wir Nomad aufgeklart, nähert sich ein Mann in einem kleinen Kanu. „Are you Chief Frederick?“ ruft Wolf aufgeregt. „Yes! You know me?“ Wir erkennen ihn tatsächlich wieder. Auch wenn er keinen Bart mehr trägt und 19 Jahre dazwischen liegen. Sichtlich gerührt begrüßt er uns wie alte Freunde, obwohl er sich vermutlich nicht mehr an uns erinnern kann. Als Gastgeschenk haben wir - wie damals - einen frisch gefangenen Fisch mitgebracht.
Beim Landgang lernen wir Rona kennen, eine fröhliche, junge Frau aus der Chief-Familie. Sie trägt ihren kleinen Sohn am Arm und führt uns stolz durch das immer noch traditionelle Dorf. Aber die Moderne hat auch hier Einzug gehalten. Auf den Pandanusdächern der Häuser liegen vereinzelt Solarpanele, Solarlampen werden in der Sonne aufgeladen. Eine neue Kirche mit Betonfundamenten wird gerade gebaut und mittlerweile gibt es sogar einen kleinen Laden. Gleichzeitig liegt mehr Müll herum. Einige Bewohner besitzen Handys, obwohl es kein Netz gibt. Da wir nahe am Ufer ankern, stellen wir unser Starlink Internet zur Verfügung. Doch die meisten Handys funktionieren nicht, weil die Akkus entweder leer oder kaputt sind. Wir sitzen vor Fredericks Haus und zeigen der Familie Fotos von 2007. Lachend und kichernd kommentieren sie die Personen auf den Bildern und erzählen, was aus ihnen geworden ist. Überraschenderweise leben die meisten nicht mehr auf Ureparapara.
Am nächsten Morgen wollen wir auf den Kraterrand wandern. Chief Frederick schickt uns drei Buben als Begleitung mit: seinen Sohn Paul sowie Willi und Saniel. Anfangs sind sie schüchtern, doch schon bald wird gelacht und geblödelt. Leichtfüßig hüpfen sie in ihren Flip Flops den steilen Pfad hinauf und erkundigen sich immer wieder besorgt nach mir: „Grandma, is all okay with you?“ Der Weg verlangt einiges ab. Besonders der letzte Abschnitt führt steil durch dichten Dschungel. An einigen Stellen müssen die Burschen den überwucherten Pfad mit der Machete freischlagen. Nach schweißtreibenden eineinhalb Stunden stehen wir oben. Unter uns liegt auf der einen Seite die Ankerbucht, auf der anderen der endlose Pazifik. Ein Ausblick, der jede Anstrengung vergessen lässt.
Zurück im Dorf lädt uns Chief Frederick zum Abendessen ein, denn schon am nächsten Tag wollen wir weitersegeln. „Aber bringt bitte Spaghetti mit“, ergänzt Rona lachend. „Wir essen hier alle so gerne Pasta!“ Natürlich erfüllen wir ihr diesen Wunsch. Als wir ein paar Stunden später wieder an Land kommen, zeigt uns Rona ein neues, leuchtend blaues Haus mit einer Terrasse aus Mahagoni. Es gehört ihrem Bruder, der seit sieben Jahren in Australien arbeitet und Ende des Jahres nach Ureparapara zurückkehren möchte. Daneben steht ein neuer Rundbau aus Steinmauerwerk – ein zukünftiges Restaurant, ebenfalls die Idee ihres Bruders. Nur wer hier einmal essen gehen soll, bleibt uns ein Rätsel. Von den wenigen Yachten, die jedes Jahr vorbeikommen, kann wohl niemand leben. Aber vielleicht muss auch nicht jede Idee sofort wirtschaftlich sein. Dream big. Große Pläne gehören hier einfach dazu. Sie schenken Hoffnung.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit werden wir schließlich als die ersten Gäste in das halbfertige Restaurant gebeten. Auf einem langen Tisch stehen die vorbereiteten Speisen. Chief Frederick hält eine bewegende Ansprache, seine Frau legt uns Blumenketten um den Hals, dann wird gemeinsam gegessen. Es gibt Island Cabbage, Maniok, Yams, Muscheln und Reste unseres Wahoos – fast alles in Kokosmilch zubereitet. Einfach, herzlich und unglaublich gut.
Als wir in sternenklarer Nacht zu unserem Dingi zurückgehen, begleitet uns die gesamte Familie. Gemeinsam schieben wir das Boot ins Wasser. Der Abschied fällt schwer. Chief Frederick nimmt Wolf in den Arm. Tränen laufen ihm über das Gesicht. „Wir werden Euch nicht vergessen“, sagt er leise. „Ich bin sicher, Ihr kommt noch einmal zu uns. Aber bitte nicht erst wieder in 19 Jahren.“ Wir versprechen es ihm. Unbedingt. Hoffentlich. Vielleicht.