SEENOMADEN - 8 JAHRE UM DIE WELT
1. Weltumsegelung: 1989 bis 1997
Es gibt Wintertage in der Stadt, an denen sich der Himmel in einem konturlosen Grau über den Dächern und Rauchfängen der Stadt verliert. Tage, an denen sich der hoffnungslose Hochnebel für Wochen nicht lichtet und an denen dieses triste Grau auch die Seelen der vermummten Menschen in den Straßen erfasst. Tage, an denen eine schneidende Kälte in unseren Körper kriecht, die weder vom heißen Punsch noch vom lodernden Kaminfeuer vertrieben werden kann. An einem dieser Tage nahm unser Fernweh unvernünftige Proportionen an und wir beschlossen das Leben zu wagen und einfach wegzugehen....
Vielleicht hatten wir das Glück, dass wir beide an einem jener Wendepunkte angelangt waren, an denen man vor einer Weggabelung steht und sich für den unbequemen, holprigen Pfad entscheidet anstatt der geraden und einfachen Route zu folgen. Vielleicht aber auch hatten wir das Glück, dass wir beide bereit waren, unser Leben zu ändern und aus dem Alltagstrott, der uns damals so einengte, auszubrechen, um unserem Sein einen neuen Impuls zu geben.
Die Startbedingungen 1989 waren nicht unbedingt ideal: Unsere Beziehung war ein halbes Jahr jung, wir steckten beide im Berufsleben mit allen Aufstiegschancen und hatten nur wenig Geld gespart. Aber Wolfgang, dem schon seit Jahren undefinierbare Träume durch den Kopf jagten, kaufte bereits ein Jahr vorher einer spontanen Eingebung folgend, eine kleine, alte Segelyacht aus Stahl zum Preis eines Mittelklassewagens. Susi Q schaukelte in Puerto Mogan im Süden Gran Canarias und wartete nur darauf, dass endlich wieder Wind ihre Segel füllte. Diese Gewissheit sowie die hohen Liegeplatzgebühren beeinflussten letztendlich unsere spontane Entscheidung. Zeit zur Vorbereitung blieb uns wenig. Wir kündigten unsere Jobs und Versicherungen, lösten den Hausstand auf und verkauften das Auto. In Zukunft wollten wir selbst entscheiden, wie viel Freiheit wir fürs Geldverdienen aufgaben. Meine Eltern waren sprachlos, unsere Freunde äußerten Befürchtungen über diesen überstürzten Entschluss, und der Abschied von Wolfgangs damals achtjähriger Tochter löste fast ein Familiendrama aus. Wir wischten alle „Wenn“ und „Aber“ vom Tisch und standen Ende März 1989 mit zwei 50 kg schweren Seesäcken vor unserem neuen schwimmenden Zuhause. Ich war noch keine 22 Jahre alt und Wolfgang knapp 34.
Es war mein erster Kontakt mit einem Segelboot. Als ich vom Steg auf das schon im Hafen schwankende Deck hinunterstieg und in die kleine, enge Kajüte blickte, war ich nicht wenig erstaunt. 5 m² Wohnfläche offenbarten sich mir: eine Pantry (Küche an Bord) ohne Kühlschrank, in der man nur eingezwängt stehen konnte, unter der Spüle eine Fußpumpe für „fließend, kaltes Wasser“, gegenüber ein kleiner Kartentisch mit verwirrenden nautischen Instrumenten. In Schiffsmitte der Salon mit zwei Sitzbänken und aufklappbarem Tisch. An den Wänden so genannte Schapps – Stauräume im Schuhschachtelformat. Ich öffnete die Tür zum Vorschiff und stand vor einem Miniwaschbecken in der Größe einer Salatschüssel, daneben eine Toilette mit kompliziert aussehenden Hebeln. Die dunkle Nische hinter dem Pump-WC wurde mir als unser Schlafgemach präsentiert. „Wo ist die Dusche“, fragte ich ziemlich kleinlaut meinen Kapitän. Der hielt mir lachend einen schwarz-silbrigen Plastiksack vor die Nase, auf dem in großen Buchstaben „Solarshower“ zu lesen stand. Im Cockpit und an Deck erklärte mir Wolfgang die unheimlichen Funktionen von sämtlichen Leinen, Drahtseilen und Segeln. Mit vollem Kopf und einem flauen Gefühl zwängte ich mich am ersten Abend erschöpft in die enge Koje. Noch lange lauschte ich den für mich fremden Geräuschen des Hafens und der Schiffe, doch langsam siegte mein Optimismus und mit dem Bewusstsein, dass meine Entscheidung, hierher zu kommen, richtig war, schlief ich endlich ein. Es folgten einige Übungsfahrten vor der Küste, bei denen ich die Grundbegriffe des Segelns erlernte, bevor wir zum ersten größeren Törn nach Madeira aufbrachen.
Es gab Tage auf dem Atlantik, an denen die Sonne aufgebrachte Wassermassen beleuchtete und weiße Brecher zu Schaumstreifen auseinander geblasen wurden. Tage, an denen sich unsere Susi Q in gewaltigen Wellenbergen wälzte, während ein felsenharter Wind in unsere gerefften Segel fegte. An solchen Tagen saß Wolfgang mit eingehängter Sicherheitsleine alleine im Cockpit, während ich am Kajütfußboden lag und mir die Seele aus dem Leib kotzte. Wolfgang hatte mich schon vorgewarnt, dass 90 Prozent aller Menschen seekrank werden, er gehört zu dem glücklichen Rest jener, die dieses Übel nicht kennen.
Wir segelten zurück ins Mittelmeer, wo ich mich in ruhigeren Gewässern an das Bordleben gewöhnte. Ich lernte rasch mit dem Schiff umzugehen und öffnete mein Herz für den unvergleichlichen Zauber des Segelns. War ich zunächst einfach dem Mann, den ich liebte, gefolgt, entdeckte ich im Laufe der Zeit meine ureigenste Motivation, die sich wie von selbst mit der seinen deckte: Das einfache Leben in der Natur, die Freude an den Kleinigkeiten des Alltags, das Fehlen jeder Hetze, das Staunen über fremde Länder und Kulturen. Viele unserer Freunde hatten befürchtet, dass unsere Beziehung den Belastungen der Reise nicht gewachsen sein würde, doch sie irrten. Vielleicht war es sogar von Vorteil, dass wir an Land die Rollen im Zusammenleben noch nicht verteilt hatten. So konnten wir die Grundfesten unserer Partnerschaft an Bord errichten. Angepasst an die Erfordernisse, die das Leben auf See stellt.
Das Langzeitsegeln war nicht mit den Urlauben vergangener Jahre zu vergleichen, dafür wäre unser Geldbeutel zu schmal gewesen, aber ich bemerkte bald, dass Zufriedenheit ja nicht die Befriedigung aller Wünsche bedeutet. Je weniger Geld wir unterwegs ausgaben, umso länger konnten wir auf Reisen bleiben. So verzichteten wir gerne auf teure Restaurantbesuche, Souvenirs und kostspielige Marinaaufenthalte. Wir kochten lieber an Bord und ankerten in einsamen Buchten. Anstatt Geld auszugeben, versuchten wir, unsere Bordkassa aufzubessern und arbeiteten zwischendurch bei der Weinlese in Südfrankreich, pinselten Farbe auf andere Yachten oder nahmen gelegentlich gegen Bezahlung Rucksacktouristen zum Segeln mit.
Unser Plan, nach Osten ins Rote Meer zu segeln, wurde durch die damaligen Kriegswirren in Kuwait gestoppt und so wendeten wir unsere Nase wieder gen Westen. Den Sommer 1991 segelten wir zurück in den Atlantik zu den Azoren. Den darauf folgenden Winter wollten wir bereits in der Wärme der Tropen verbringen und so steuerten wir über die Kanarischen Inseln Westafrika an. Wegen eines Sandsturmes und der daraus resultierenden schlechten Sicht wurden unsere Navigationskünste mit dem Sextanten auf eine harte Probe gestellt. Wir befuhren die Flüsse und Küsten Senegals und Gambias auf den Spuren der Sklavenschiffe und starteten am Morgen des 30. März 1992 von den Kap Verde Inseln zu unserer ersten großen Ozeanüberquerung.
Vor uns erstreckte sich der Atlantik: 2150 Seemeilen (ca. 4000 Kilometer) trennten uns vom nächsten Land, den Kleinen Antillen der Karibik. Trotz der scheinbar leeren Wasserflächen, hielten wir immer Wache, in der es vor allem galt, eine Kollision mit großen Schiffen zu verhindern. Diese dreistündigen Nachtwachen, bei denen immer einer von uns draußen im Cockpit saß, erwiesen sich als nass, kalt und äußerst anstrengend. Bei bewegter See wurde jede Tätigkeit (wie z.B. Kochen, Essen, Gang zur Toilette) unter Deck zur Akrobatiknummer und bei Sturm spielte sich das Leben nur mehr am Kajütboden ab.
Es war vor allem eine Reise durch unsere Gefühlswelt. Knapp 16 Tage alleine auf der endlos scheinenden Weite des Meeres. Die Dauer der Reise deckte die Länge der Entfernung auf natürliche Weise ab. Ich erinnerte mich an die Worte eines Segelfreundes, der einmal sagte: „Wenn Du mit dem Flugzeug reist, machst Du die Welt noch kleiner, als sie ohnehin schon ist. Wenn Reisen Erleben heißt, dann ist das Entscheidende die Geschwindigkeit mit der man unterwegs ist – mit einer kleinen Segelyacht bist Du ungefähr so schnell wie ein Jogger.“
Die Karibik mit ihrem „easy-going-Flair“ und dem Inselhüpfen bei konstanter Brise faszinierte uns zwei ganze Jahre. Lange genug, um viele Freunde unter den Seglern zu finden, sich dort heimisch zu fühlen und das Leben von und in den Tropen zu lernen. Wir eigneten uns vor allem Kenntnisse im Fischfang an, schauten dabei den Einheimischen und anderen Yachties auf die Finger. Das Angeln und Harpunieren funktionierte schon bald phantastisch, sodass wir uns in Zukunft hauptsächlich von Fischen in allen Variationen und Langusten ernährten – einer der wichtigsten finanziellen Aspekte für unser unabhängiges Nomadenleben. Mangels Kühlmöglichkeit konservierten wir die frisch gefangenen Leckerbissen mittels Einkochen, Einlegen und Trocknen.
Bis jetzt hatten wir unsere Reiseroute eher kurzfristig von Jahr zu Jahr geplant, doch hier in der Karibik standen wir vor einer Weggabelung. Der eine Weg führte über den Nordatlantik wieder zurück nach Europa – den wollten wir eigentlich nicht einschlagen, zu sehr hatte uns das Leben auf See bereits geprägt. Der andere logische Weg führte mit dem Wind weiter in die Südsee, dafür jedoch reichten unsere finanziellen Mittel leider nicht aus. Aus diesem Grund flogen wir für zwei Sommer zurück nach Österreich, um in unseren Berufen ein paar Monate zu arbeiten.
Im November 1994 lichteten wir Anker mit Kurs West! Über Venezuela erreichten wir Panama, wo uns der gleichnamige Kanal in den Pazifischen Ozean ausspuckte. Von den Galapagos-Inseln brachen wir zur längsten Etappe auf, die man während einer Weltumsegelung auf der Passatroute zurücklegen kann – 3.000 Seemeilen oder 5.500 Kilometer freier Ozean lagen vor uns! Im Gegensatz zur Atlantiküberquerung, bei der wir noch ungeduldig nach der heiß ersehnten Ankunft fieberten, waren wir jetzt viel gelassener und ruhiger, verfügten aufgrund unserer Erfahrungen über mehr Vertrauen in uns und unser Schiff. Außerdem hatten wir gelernt, uns der Natur unterzuordnen. Ganz selbstverständlich passten wir uns dem Rhythmus des Ozeans und dem Rhythmus des Windes an, egal ob Sturm oder Flaute, ob meterhohe Wellen oder spiegelglattes Meer. Vielleicht konnten wir deswegen auch diese Überfahrt in die Südsee wirklich genießen. In einem Brief an meine beste Freundin schrieb ich damals folgende Zeilen: „Das Sonderbare ist, wie deutlich man sich an die Tage auf See erinnert. Ich glaube es liegt daran, dass auf See alles so langsam geht. Man hat Zeit für Eindrücke...“ Zeit, die hatten wir wirklich im Überfluss. Zeit die letzten Reiseerlebnisse zu verarbeiten, Zeit, uns auf neue Ziele und Kulturen vorzubereiten, Zeit zum Lesen, Musikhören und Zeit für uns selbst sowie für die Zweisamkeit – und wer kann das in unserem gestressten Alltag heute noch behaupten?
Nach 24 Tagen auf See erreichten wir die Südsee! Nie werde ich dieses intensive Empfinden der Ansteuerung zu den Marquesas-Inseln vergessen. Hier schien die Natur kräftiger, mächtiger und doch lieblicher als anderswo zu wirken. Auf einem Kurs mit vielen Zacken und Schleifen stöberten wir über ein Jahr lang durch die polynesische und mikronesische Inselwelt. Der Weg war das Ziel, wo es uns gefiel, machten wir Halt. Je weiter wir uns von der Zivilisation entfernten, desto unabhängiger und zufriedener wurden wir. Die Insulaner zeigten uns, wie man aus Kokosnüssen, Brotfrüchten und Taro köstliche Gerichte zaubert. Mit dem Sonnendach sammelten wir während der tropischen Regengüsse ausreichend Süßwasser für unsere nur 250 Liter fassenden Wassertanks. Auf den hohen Inseln standen ausgedehnte Wanderungen zu Urlandschaften aus Dschungel, grünen Tälern und Wasserfällen am Programm, um unsere wackeligen Seebeine zu trainieren. Das Sammeln von Muscheln und Schnecken entpuppte sich als große Leidenschaft und fasziniert von der schweigenden Unterwasserwelt schnorchelten wir stundenlang im Universum der Riffe, wo die Natur an Farben, Mustern und Formen mehr ausprobiert hat, als menschliche Phantasie je ersinnen könnte. Der Häuptling eines Dorfes in Samoa adoptierte uns und seitdem haben wir auch Familie in der Südsee! Eines Tages ankerten wir in Kiribati vor einem Dorf, wo noch nie zuvor eine Yacht vorbeigekommen war. Hier und auf anderen abgelegenen Atollen wurden wir mit Blumenkränzen und Muschelketten begrüßt und verabschiedet und nach dem Besuch der letzten Sternennavigatoren kreuzten wir gen Süden durch die indonesischen Molukken nach Darwin, Australien.
Unsere gute, alte Susi Q zeigte langsam Spuren der harten und zahlreichen Meilen, eine komplette Schiffsüberholung stand bevor. Zwei Monate lang schufteten wir im Werftgelände bei unerträglicher Hitze vierzehn Stunden pro Tag. Es war nicht unser erster, dafür aber der intensivste Werftaufenthalt, diese Zeit blieb mir als die härteste unserer Reise in Erinnerung. Das Leben im Chaos zwischen Werkzeugen, Maschinen, Farbe, Dreck, Schweiß und Sandwiches wurde zu einer Belastungsprobe für unsere Beziehung. Zur Belohnung gönnten wir uns eine unvergessliche Landreise durch das Outback Australiens.
Im September 1996 segelten wir durch den Indischen Ozean mit Stopps auf den winzigen Inseln Christmas-Island und Cocos-Keeling. Wochenlang lebten wir wie Robinson auf einem unbewohnten Eiland im Chagos-Archipel. Fische fangen, Brot backen, Kokosnüsse von den Palmen holen – Leben aus erster Hand – das war unsere Welt.
Es gab Tage am Ankerplatz, die von einer schmerzlichen Schönheit erfüllt waren. Tage, an denen sanfter Wind die Kronen der Palmen umspielte und leise Wellen an die Bordwand klatschten. Tage, an denen das Türkis der warmen Lagune und das Weiß des feinen Sandstrandes in einem unwirklichen Licht erstrahlten und die Morgensonne samtig weich unsere Haut erwärmte. An einem dieser vom Glück erfüllten schwerelosen Tage hatten wir vergessen, dass es auch noch ein anderes Leben gab...
Durch Flauten und Regenböen der Äquatorzone quälten wir uns zu den Malediven. In diesen vielleicht schönsten Atollen der Welt hieß es Abschied nehmen von den Tropen und vor allem von den Kokosnüssen, denn vor uns lag das von Wüsten begrenzte und wegen der starken Gegenwinde gefürchtete Rote Meer. In einer Zick-Zack-Linie knüppelten wir Tag für Tag Richtung Norden, besuchten den Jemen, Eritrea, Sudan und Ägypten und tauchten ein in die Märchenwelt von 1001 Nacht mit Weihrauchduft, verschleierten Frauen und schwer bewaffneten Männern mit Turbanen.
Den Suez-Kanal knapp vor Augen segelten wir am 8. April 1997 in eine stockfinstere, eisige Nacht, die uns den schwersten Sturm der gesamten Reise bescheren sollte. Um Mitternacht schlugen wir in einer steilen See quer und ein Brecher legte unser Boot fast flach aufs Wasser. Schäumende Kaskaden deckten uns mit Getöse ein, und wir krallten uns an der Reling fest, um nicht über Bord gespült zu werden. Unbeleuchtete Bohrtürme und mit den Elementen kämpfende Fischtrawler wurden wegen der Kollisionsgefahr zum Albtraum, der unseren Puls noch Tage später höher schlagen ließ. Wenn etwas gelungen ist, hinterher scheint es jedem einfach. Doch draußen auf See ist man alleine. Manche unserer Yachtfreunde hatten weniger Glück: Boote wurden durch Zusammenstösse mit Großschiffen und Treibgut beschädigt und gingen verloren, einige strandeten an Riffen, wurden von Piraten beschossen und manche verloren sogar ihr Leben. Wir hatten Gott sei Dank Glück. Ein Bananendampfer verfehlte uns um einige Meter, ein treibender Baumstamm konnte unserem Stahlrumpf nichts anhaben, unser starker Mast hielt trotz Bruch aller vier Unterwanten und unzählige kleine und größere Pannen konnten wir immer selbst beheben.
Zurück im Mittelmeer erreichten wir am 22. Juli 1997 die kleine, südlich von Sizilien gelegene Insel Lampedusa. Das wäre an sich nichts Besonderes, doch genau hier kreuzten wir unsere alte Kurslinie– wir hatten somit die Erde umsegelt! Ohne es jemals geplant zu haben, schipperten wir beinahe zufällig rund um den Globus. Wir wollten keine Rekorde brechen, es war eine Reise für uns und zu uns! 40 kleine Flaggen wehten unter Susi Q`s Backbordsaling zur Feier des Tages und zur Erinnerung an 40 bereiste Länder und an 43.000 zurückgelegte Seemeilen. Die Freude darüber wich schnell der Trauer, dass sich unsere Reise dem Ende näherte. Ein Blick in die leere Bordkassa bestätigte dies vehement. Wir verfügten weder über Sparbuch, Polizze noch andere Sicherheiten, doch unser Reichtum war die Erinnerung an unsere gemeinsamen Jahre auf Susi Q und die Gewissheit, miteinander die schönste und intensivste Zeit unseres Lebens verbracht zu haben.
Epilog 1999:
Das Salz unserer Reise ist längst abgewaschen. Seit zwei Jahren bewohnen wir im siebenten Wiener Gemeindebezirk eine kleine laute Stadtwohnung und arbeiten wieder als Bautechniker und Fremdsprachensekretärin. Wir fühlen uns fremd in einer Welt, die bestimmt wird vom Haben und Besitzen. Es fällt uns schwer wieder Tritt zu fassen im Getriebe der Konvention – Termine planen statt den Augenblick genießen, sich der Bürokratie unterordnen statt den Gesetzen der Natur gehorchen.
Es gibt jetzt Tage in der Stadt, an denen das Fernweh und die Sehnsucht nach dem Bootsleben unermesslich werden. Tage, an denen wir träumen, dass unser Schiff wieder über die unendliche Weite des nächtlichen Ozeans gleitet, und wir uns sogar die anstrengenden Nachtwachen im Dreistunden-Rhythmus wünschen. An einem dieser Tage werden wir wieder die Kraft besitzen, aufzubrechen und frei zu sein.....
Reiseroute SUSI Q in Zahlen und Fakten
8 Jahre, 40 Länder, 43.000 Seemeilen
1988: Wolf kauft Susi Q 1988 um 63.000,- DM in Puerto Mogan
Susi Q: Vanguard 950, Designer: Dirk Koopmans, Baujahr 1980, Rumpf von Werft: „Yachtbau Klein“, Innenausbau von einem Berliner Taxifahrer. Länge: 9,50 Meter, Breite: 3,0 Meter, Gewicht: 5,8 Tonnen
1989: Start im April von den Kanaren über Madeira und Portugal retour ins Mittelmeer, Winterlager in Torrevieja, Südspanien
1990: westliches Mittelmeer, Balearen, Sardinien, Korsika, Elba, Winterlager in Monastir, Tunesien
1991: Kurs West nach Gibraltar, raus in den Atlantik: Azoren, Kanaren
1992: Westafrika – Senegal und Gambia, Kap Verde Inseln, im April in knapp 16 Tagen über den Atlantik nach Tobago
1993 – 1994: Karibik zwischen Tobago, St. Martin und Venezuela, zwei Hurrikansaisonen in Wien verbracht, um die Bordkassa aufzubessern.
1995: ab Jänner von Grenada über Venezuela, Curacao, San Blas Inseln zum Panamakanal. Im April in den Pazifik: Las Perlas Inseln, Galapagos Inseln, dann 3.000 Seemeilen in 24 Tagen (unsere längste Überfahrt) zu den Marquesas Inseln in Französisch Polynesien. Tuamotu Atolle, Gesellschaftsinseln, Cook Inseln, Samoa, Tuvalu, Kiribati.
1996: Mikronesien, Palau, Indonesien / Molukken, Darwin / Australien, Schiffsüberholung und Landreise (Juni bis September). Dann raus in den Indischen Ozean: Christmas Island, Cocos Keeling, Chagos.
1997: Malediven, Yemen, ins Rote Meer nach Eritrea, Sudan, Ägypten, Suez-Kanal. Ab April zurück im Mittelmeer, in Lampedusa Kurslinie von 1990 gekreuzt! Ende September Reiseende in der Marina Stella, nördliche Adria, Italien.
1999: im Juli Verkauf von Susi Q an einen deutschen Pastor, der sie nach Portugal bringt. Mit dem Erlös kaufen wir unsere erste Vortragsausrüstung und ein Auto. |