ERINNERUNG

Was bleibt.

Wir sind seit bald drei Jahrzehnten

auf den Weltmeeren unterwegs.

Unsere Reisen führten uns zweimal um die Welt

und zuletzt durch die Nordwestpassage in den Pazifik.

Momente, an die wir uns besonders gern erinnern,

möchten wir mit Euch teilen.

 

 

Reflexionen 

Der Tag beginnt farblos, nass und kalt. Geisterhafte Nebelschwaden kriechen über die Bucht, die Luft riecht nach Tang. Am späten Vormittag wollen Wolf und ich an Land. Wir atmen tief Stille ein. Große Ruhe. Seit zwei Tagen ankern wir im Seven-Fathoms-Hole, ein rundum geschützter Ankerplatz im Prince William Sound, dem nördlichsten Segelrevier Amerikas. Mit dem Schlauchboot tuckern wir zum Ufer, vertäuen es wegen der großen Tide mit langer Leine an einem Baum. Enten schnattern. Wir marschieren los, über glitschige Schieferplatten und rutschiges Kelp, über schwarzen Kieselstrand und feuchte Wiesen, vorbei an Flussmündungen und letzten Schneefeldern. Unter den Regentropfen und durch die Wolken. Auslauf tut gut. Unseren Muskeln bringen wir langsam bei, dass der Winterschlaf vorbei ist.

Beim Wandern wie beim Segeln wird ein neuer Bezug zur Umwelt möglich, zu sämtlichen Eindrücken, die sonst unsortiert im Alltag auf uns einprasseln. Unsere Gedanken folgen dem Rhythmus des Gehens. Ich glaube, die besten Gespräche meines Lebens habe ich entweder bei Nachtfahrten im Cockpit unseres Segelbootes oder während des Wanderns geführt. Klarer, offener, zugänglicher. Wolf und ich sind uns einig, dass nicht die Natur das Leben kompliziert macht, sondern unsere menschlichen Geflechte. Wir schlüpfen zuhause in Österreich jeden Tag in unterschiedliche Rollen. Wir sind Vortragende, Weltumsegler, Fotografen, Autoren, Mentoren, Schifahrer, Kaffeehausbesucher, Eheleute, Großeltern, Tochter, .... Und irgendwann erhebt sich die Frage, wann wir eigentlich komplett wir selbst sind. Beim Segeln übers Meer, über den Golf von Alaska? Beim Durchstreifen durch Amerikas nördlichsten Regenwald? Was bleibt übrig, wenn man alle Masken abstreift?

Diese Frage ist vielleicht zu groß, aber man erhält dabei in jedem Fall neue Perspektiven. Für einen Moment lang, für ein paar Tage muss man gar nichts. Nicht argumentieren, konsumieren oder imponieren. Und das Allerschönste für mich. Die Natur will nichts von uns. Sie bietet an, was sie gerade auf Lager hat. Tiefdruckgebiete, Fronten, Regen, Gletscherfjorde. Wo soll Reflexion besser möglich sein, als hier auf diesem einsamen Ankerplatz? Und während ich das innere Wirrwarr in meinem Kopf aufdrösele, sind die äußeren Zwänge minimal. Am Abend kochen wir Eiernockerl mit grünem Salat. Der Wein schmeckt, als hätten ihn die Götter gepresst.

Was steht morgen auf dem Programm? Einfach weiterziehen zum nächsten geschützten Ankerplatz. Eine Strecke, ein Auftrag, eine seltene Simplizität. Wir werden zeitig frühstücken, die Maschine starten, die kniffelig, enge Ausfahrt hinter uns lassen und den Prince William Sound weiter erforschen. Never stop exploring.

Prince William Sound, Mai 2018

Seven Fathoms Hole, PWS, Alaska